Über den Trauerfall (1)
Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Joachim Fest, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.
Von trauer.de Redaktion (cs), Dachau
12.09.2006 um 18:39 Uhr von Merkur /Frankfurt/Main (dpa) - Der Hitler-Biograf und langjährige Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», Joachim Fest, ist tot. Der Historiker, der als glänzender Feuilletonist und herausragender Publizist galt, starb nach Angaben der «FAZ» am Montagabend nach längerer Krankheit im Alter von 79 Jahren in seinem Haus in Kronberg im Taunus.
Nach den Worten von Bundespräsident Horst Köhler verliert Deutschland mit Fest «einen Menschen, der als Journalist, als Historiker und als Herausgeber jahrzehntelang die geistige Kontur unseres Landes mitbestimmt hat». Auch zahlreiche andere Politiker, Historiker und Weggefährten würdigten Fests Lebenswerk.
Wenige Wochen vor seinem Tod hatte sich Fest noch mit Günter Grass auseinandergesetzt. Das späte Bekenntnis des Literatur-Nobelpreisträgers, in jungen Jahren Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, nannte Fest eine «schrille Lebenslüge». Fest hielt Grass vor, sich jahrzehntelang moralisch aufgespielt und Mitmenschen gnadenlos kritisiert zu haben.
Noch kurz vor seinem Tod hat Fest seine Memoiren geschrieben. In den Erinnerungen an seine Kindheit und Familie beschreibt Fest unter dem Titel «Ich nicht» (Rowohlt), dass es in der Hitler-Zeit möglich war, sich dem Zeitgeist zu widersetzen. Das Buch kommt am 18. September, eine Woche nach seinem Tod, in den Handel. Fest, der am 8. Dezember 80 Jahre alt geworden wäre, hinterlässt eine Frau und zwei erwachsene Söhne. Einer von ihnen ist der Rowohlt-Verleger Alexander Fest.
Neben der Hitler-Biografie, die 1973 zum Bestseller wurde, veröffentlichte Fest zahlreiche weitere Bücher zur NS-Zeit. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter den Henri-Nannen-Preis (2006), den Ludwig-Börne-Preis (1996) und den Lübecker Thomas-Mann-Preis (1981). Umstritten blieb Fests 1999 erschienene Biografie zu Hitlers Rüstungsminister und Chefarchitekten Albert Speer, dem Fest in den 60er Jahren nach dessen Haftentlassung auch bei der Verfassung seiner Memoiren geholfen hatte. Neueren Forschungen zufolge räumte Fest ein, von Speer über seine Rolle in der Nazi-Zeit belogen worden zu sein.
Joachim Fest entstammt einer bildungsbürgerlichen Familie. Er wurde 1926 in Berlin als Sohn eines Oberschulrats geboren. Nach dem Studium in Freiburg, Frankfurt und Berlin war Fest Redakteur beim RIAS Berlin, ehe er 1961 als Chefdramaturg zum NDR nach Hamburg ging. In den 1960er Jahren leitete Fest beim NDR das Politmagazin «Panorama», von 1963 bis 1968 war er NDR-Chefredakteur.
Bevor er 1973 zur «FAZ» kam, machte er als CDU-Abgeordneter in Berlin-Neukölln einen Kurzausflug in die Politik. Bei der «FAZ» war Fest bis Ende 1993 zwei Jahrzehnte lang als Mitherausgeber für das Feuilleton zuständig. Fests Nachfolger Frank Schirrmacher bezeichnete den Publizisten als «ein absolutes Vorbild in jeder Beziehung». «Er hat meisterhafte, ja bahnbrechende Analysen des Psychogramms der Täter des Nationalsozialismus' geliefert, die vor ihm immer als Dämonen geschildert wurden», sagte Schirrmacher im Südwestrundfunk (SWR 2).
Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bedauerte, dass es nicht mehr zu einem Gespräch mit Fest über ihre unterschiedlichen Standpunkte im «Historikerstreit» - der Frage der Gewichtung der Judenvernichtung in der deutschen Geschichte - gekommen sei. «Ich habe ihn noch zuletzt um ein Gespräch gebeten. Es ist nicht dazu gekommen», sagte Reich-Ranicki der dpa.
Bundestagspräsident Norbert Lammert würdigte Fest als «engagierten Wissenschaftler und glänzenden Feuilletonisten», der sich Zeit seines Lebens «um eine aufrichtige Aufarbeitung der schwierigen deutschen Geschichte verdient gemacht hat». Er habe zu den einflussreichsten Historikern und Journalisten der Bundesrepublik gehört, schrieb Lammert in seinem Kondolenzbrief an die Witwe Ingrid Fest.
Mit Fest hat die deutsche Publizistik nach den Worten von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) «einen ihrer geistreichsten und wortmächtigsten Vertreter» verloren. Er sei ein Bildungsbürger im besten Sinne gewesen und habe das intellektuelle Profil der Bundesrepublik in politisch bewegten Zeiten entscheidend geprägt, schrieb der Staatsminister in seinem Nachruf.
Der Frankfurter Historiker Lothar Gall nannte Fest eine «zentrale Figur» für die deutsche Geschichtswissenschaft. «Er hat durch seinen "Hitler" und eine Reihe von anderen Studien das Fach weit vorangebracht», sagte Gall. «Er hat immer gesehen, dass er für ein großes Publikum schreibt, aber gleichzeitig auf einer absolut seriösen Basis.»
Der Historiker Hans Mommsen sagte, Fest habe mit seiner Hitler-Biografie einen grundlegenden Beitrag geleistet. Zur Rolle von Speer habe Fest jedoch eine «isolierte Meinung» vertreten. Mommsens Berliner Historikerkollege Arnulf Baring bezeichnete Fest als eine «außerordentlich bedeutende Persönlichkeit des bürgerlichen Deutschland». «Er war ein Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters», dessen Verschwinden er so sehr beklagt habe, sagte Baring. (Text/Bild: dpa)