Über den Trauerfall (1)
Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Ignaz Streitel, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.
Kämpfer für die Heimat
16.01.2015 um 09:58 Uhr von Merkur /
Mit Ignaz Streitel stirbt ein Garmischer Urgestein
Garmisch-Partenkirchen – Ein echter Werdenfelser, das war der Streitel Ignaz. „Geradlinig, unerschrocken, unerschütterlich.“ Mehr Worte braucht Josef Glatz nicht, um Ignaz Streitel, seinen Freund und Vorgänger als Vorsitzender der Garmischer Weidegenossen, zu beschreiben. Und jeder, der einmal mit „Nazi“ Streitel gesprochen hat, würde dieser Beschreibung zustimmen. Der Mann sagte seine Meinung. Unmissverständlich. Direkt. „Auch mal lautstark.“ Seine Stimme aber ist nun verstummt. Streitel starb im Alter von 85 Jahren. Vergessen aber werden ihn die Werdenfelser nicht.
Streitel haute auf den Tisch, wenn es ihm zu bunt, seine geliebte Heimat nicht in seinem Sinn verteidigt wurde. Diese Heimat hatte für den Ur-Garmischer – gerne erzählte er von seiner „privaten Ortsvereinigung“, hatte er doch mit Ehefrau Anne eine Partenkirchnerin geheiratet – eine besondere Bedeutung. Er hat sie nicht einfach, wie viele andere, geliebt. Er hat für sie gelebt und gekämpft. Unvergessen sein Einsatz während der Bewerbung von München und Garmisch-Partenkirchen um die Olympischen Winterspiele 2018. Er gehörte zwar nicht zu den Grundstücksbesitzern, deren Flächen für die Spiele benötigt worden wären. Doch er trat als ihr Sprecher auf – und als entschiedener Olympia-Gegner. Zwei Dinge wiederholte er dabei gebetsmühlenartig. Erstens: Er sei kein Gegner des Sports – tatsächlich fand er Gefallen an den Alpinen Weltmeisterschaften 2011. Doch Olympia „ist zu groß“. Zweitens: Bei der Weigerung, Land für die Spiele zur Verfügung zu stellen, „geht es nicht ums Geld, sondern um unsere Heimat“. Man musste das diesem erbitterten Kämpfer für das Werdenfelser Land einfach glauben.
Seine Verbundenheit zeigte sich auch in jahrzehntelangem Engagement; beispielsweise als Vorsitzender des Vereins zur Sanierung und Erhaltung der Burgruine Werdenfels. Als Gründungsmitglied des Hornschlittenvereins wurde der gelernte Bäcker und Konditor ebenso geehrt wie für 70 Jahre Mitgliedschaft bei der Garmischer Feuerwehr und 50 Jahre Einsatz für die CSU. Für die Union saß er, bis zuletzt bestens über das Geschehen im Ort informiert, von 1966 bis 1996 im Gemeinderat, von 1978 bis 1996 im Kreistag. Seine Stimme hatte Gewicht; er pflegte beste Beziehungen zur bayerischen Machtzentrale: Max Streibl, erst Landtagsabgeordneter und von 1988 bis 1993 Ministerpräsident, und seine Frau waren eng mit den Streitels befreundet. Streibl teilte auch Streitels Sorge um die Almwirtschaft, für deren Erhalt sich der Garmisch-Partenkirchner einsetzte. In den 1970er Jahren „war sie stark rückläufig“, sagt Glatz. Doch der damalige Chef der Weidegenossen Garmisch kämpfte für sie. Und gewann. Auch das war Ignaz Streitel: „Er hat sich oft durchgesetzt.“
Einen seiner größten persönlichen Triumphe erlebte er am Tag der Olympiavergabe: Am 6. Juli 2011 saß er auf seiner Hausbank, schaute aufs Wetterstein und wartete „auf das G’schrei vom Mohrenplatz“. Er wusste: „Wenn sie jubeln, haben wir’s.“ Doch es blieb leise. Pyeongchang wird die Winterspiele 2018 austragen. So saß er da, der Streitel Nazi, auf seiner Bank mit Blick auf die geliebte Heimat – und hat die Stille wohl selten so genossen wie in diesem Moment.