Über den Trauerfall (1)
Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Heinz Sielmann, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.
Von trauer.de Redaktion (cs), Dachau
08.10.2006 um 13:10 Uhr von Merkur /"Wenn der Garten im Herbst verfärbt, ist das ein riesiges buntes Spektakel", schwärmte Heinz Sielmann noch vor wenigen Wochen, als er einen Mitarbeiter des Münchner Merkur in seinem herrlichen Anwesen in München-Obermenzing empfing. Dort an der Würm haben Sielmann und seine Frau Inge sich ihr eigenes 3300 Quadratmeter großes Naturparadies erschaffen, mit exotischen Bäumen, Seerosen, Farnen und vielen Tieren, die den Garten der Sielmanns für sich entdeckten.
Allein 71 Vogelarten hatte Sielmann im Laufe der Jahre
gezählt und genau Buch darüber geführt. Auch Wiesel,
Fasane und das grüne Teichhuhn sichtete der weltberühmte Tierfilmer rund um sein Haus, doch der Ausbau Obermenzings und des Würmgrünzugs hat viele Tiere aus seinem kleinen Reich vertrieben: "Das ist alles vorbei." Auch Sielmann wird in diesem Garten fehlen: Im Alter von 89 Jahren ist der Forscher am Wochenende im Kreise seiner Familie friedlich entschlafen, wie die Sielmann-Stiftung mitteilte.
Der Zauber der Natur war für ihn stets auch Verpflichtung zur Demut. Zur Einsicht nämlich, dass der Mensch nur ein Teil des wunderbaren Kosmos sei, dass er aber als Krönung der Evolution in großer Verantwortung für den Erhalt des Naturerbes stehe. Alle seine Filme waren in diesem Geiste gedreht - in staunender Neugier und zugleich in tiefem Respekt vor der Schöpfung. Sielmann zählt zu den bekanntesten Tierfilmern der Welt, die von ihm begründete Reihe "Expeditionen ins Tierreich" gehört zu den größten Erfolgen der deutschen Fernsehgeschichte.
"Die Bevölkerung der Welt hat sich zu meinen Lebzeiten verdreifacht und alles, was wir machen, tun wir zu Lasten der Natur", sagte Sielmann einmal. "Trotz der schlimmen Entwicklung bin ich aber zuversichtlich. Wir Menschen werden zu guter Letzt doch noch erkennen, dass wir unsere Maßlosigkeit einschränken müssen, wenn wir Mutter Erde nicht in den Abgrund wirtschaften wollen. Deshalb müssen wir vor allem mit der Jugend reden."
Neben zahlreichen Dokumentationen drehte Sielmann deshalb auch rund 30 Unterrichtsfilme für die Schulen. Die Umweltpädagogik gehört auch zu den Schwerpunktthemen der "Heinz Sielmann Stiftung", die der Tierfilmer und Autor zahlreicher Bücher zusammen mit seiner Frau 1994 gegründet hatte. Die Stiftung, die sich "Naturschutz als positive Lebensphilosophie" zum Ziel gesetzt hat und auch wichtige Biotope sichern soll, gilt als Krönung seines Lebenswerks und als sein Vermächtnis.
Kilimandscharo und Kongo, Galapagos-Inseln und Rocky Mountains - mehr als ein halbes Jahrhundert reiste Sielmann rund um die Welt, um die Natur per Kamera einzufangen. Vom Ameisenbär bis zum Zitteraal - fast jede Spezies kam bei ihm vor die Linse. Mit Jeep oder Helikopter ging er ebenso auf Expedition wie mit Boot oder Schlitten. Der für einen Naturfilmer nötige Mut zum Risiko führte oftmals zu gefährlichen Situationen wie etwa Attacken eines Elefantenbullen oder eines Flusspferdes, denen Sielmann jeweils knapp entging.
Während seiner oft mehrmonatigen Reisen rund um den Globus sichtete Ehefrau Inge das eingehende Filmmaterial in München und nahm den Grobschnitt vor. Ebenso organisierte sie die Film- und Buchpräsentationen, Vortragsreisen und das operative Geschäft der 1960 gegründeten "Heinz Sielmann Filmproduktion".
Auch im Kino hatte der am 2. Juni 1917 in Rheydt im Rheinland geborene Verhaltensforscher und Biologe große Erfolge mit "Lied der Wildbahn", "Herrscher des Urwalds" oder "Galapagos - Trauminseln im Pazifik". Die Arbeit des "TV-Dinosauriers" wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter fünf Bundesfilmpreise, die Goldene Kamera, zwei Bambis und das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern.
Nach dem Willen seines Vaters, eines Chemikers, hätte Heinz Sielmann eigentlich Lehrer werden sollen. Doch schon in den Jugendjahren geriet der Sohn, der in Ostpreußen aufwuchs, in den Bann der Natur. "Mein Vater war leidenschaftlicher Angler und Jäger, die Exkursionen mit ihm waren für mein Leben entscheidend", sagte Sielmann. Doch anders als der Vater ging er später statt mit dem Gewehr mit der Kamera auf Jagd.
Seine Karriere startete er 1938, als er mit 21 Jahren seinen ersten Film "Vögel über Haff und Wiesen" vor Ornithologen in Berlin präsentierte. "Ich habe aus einem Kindheitstraum meinen Beruf gemacht, das ist der größte Erfolg in meinem Leben", sagte der Tierfilmer einmal.
Der größte Schicksalsschlag traf ihn 1978. Sein einziger Sohn Stephan - der schon in die Fußstapfen des Vaters getreten war - kam durch einen Unfall in Kenia ums Leben. Dieses leidvolle Ereignis trug später zur Entscheidung des Ehepaares Sielmann bei, ihr Lebenswerk im Rahmen einer Stiftung in die Zukunft zu tragen und besonders die junge Generation für die Bewahrung der Natur zu begeistern.
Als Sielmann seine ökologischen Mahnungen auch in Tierserien bei privaten TV-Sendern präsentierte, handelte er sich vorübergehenden Ärger mit seinem "Stammhaus" - der ARD - ein. "Es ist gigantisch, was sich in den letzten 50 Jahren auf der Erde verändert hat: Arten wie der Sibirische Tiger und der Berggorilla in Ruanda sind vom Aussterben bedroht", sagte Sielmann und betonte: "Und selbst in unserer Landschaft sind Rebhühner und Hasen fast verschwunden." Das Schlimme sei, dass der Großteil der bedrohten Arten nahezu unbemerkt verschwinde. (mm)